• Autor sucht Verleger (5): Der direkte Weg zum eigenen Buch

    Am 14. November 2009 fand in Berlin ein »Kongress der unabhängigen Medien« statt. Zur Eröffnung hielt ich vor 150 interessierten Zuhörern einen Vortrag zum Thema “Autor sucht Verleger. Der direkte Weg zum eigenen Buch«. Darin werden viele Fragen von Autoren beantwortet, die vom eigenen Buch träumen.

    Derzeit befindet sich das Verhältnis von Autor und Verleger in einem vollkommenen Umbruch. Das gründet unter anderem darin, dass die digitale Revolution den Schreibenden mächtige Werkzeuge in die Hand gibt, die sie aktiv nutzen.

    Zum Nachschlagen:

    »Autor sucht Verleger« (1): »Die Autoren«
    »Autor sucht Verleger« (2): »Die Verlage«
    »Autor sucht Verleger« (3): »Die Agenten«
    »Autor sucht Verleger« (4): »Die Zuschussverlage«

  • Hallelujah! Ich habe ein JesusPhone!

    JesusPhone2

    Prinz Rupi im Zwiegespräch mit dem Weltenherrscher

    Hallelujah! Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er lenkt und Er leitet mich auf all meinen Wegen. Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn Er ist bei mir, Sein Stock und Sein Stab geben mir Zuversicht.

    Boing!!! - Steht da doch ein dämlicher Laternenmast im Weg, und ich laufe voll dagegen. Dabei lenkt mich doch der Herr … Ich starre in mein neues JesusPhone, das mir den Weg weist, und da steht »In 40 Metern links abbiegen«. Ein Laternenpfahl ist allerdings nichts erwähnt, oder ist das vielleicht eine himmlische Prüfung für mein göttliches Navigationsgerät?

    Der Herr stillt mein Verlangen; Er leitet mich auf rechten Pfaden, treu Seinem Namen.
    Seit ich mein neues Jesus-Telefon habe, komme ich in allen Lebenslagen sehr viel besser zurecht. Lange musste ich warten, bis die Rationierungsbehörde der Telekom mir den sprechenden Knochen zuteilte. Doch jetzt habe ich ihn, ich halte ihn in Händen, und der Zauber wirkt. Hallelujah! Der Herr hat mein Flehen erhört! Endlich zähle ich zum elitären Kreis der JesusPhone-Nutzer. Dieses rabenschwarze, viereckige Etwas ist meine neue Religion. Die Unwissenden nennen es zwar iPhone, wir Eingeweihten aber wissen: es ist ein JesusPhone, und es ist viel mehr als eine Religion. Es verkörpert das neue Universum!

    Er lässt mich lagern auf grünen Auen, und Er führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
    Mein JesusPhone hat direkten Kontakt zu den Sternen, es weist mir den Weg und wurde mir schon aus diesem Grund im Handumdrehen zum unersetzlichen Begleiter auf der Schnitzeljagd durchs Leben. Ein eingebauter magischer Kompass erinnert mich an meine Zeit als Pfadfinder, an Eichenwälder und nächtliche Orientierungsmärsche. Das eingebaute GPS ortet zuverlässig meinen aktuellen Standort, wo immer ich mich auch gerade befinde. Jesus zeigt mir darauf das Straßennetz und führt mich zum Ziel meiner Wahl.

    Er deckt mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde; Er salbt mein Haupt mit Öl, Er füllt mir reichlich den Becher. Habe ich Hunger, habe ich Durst, möchte ich ein paar neue Wanderstiefel kaufen oder quält mich ein anderes Bedürfnis, dann lässt das JesusPhone Manna vom Himmel regnen und zeigt mir, wo das nächste Café oder Restaurant ist oder wo es eine Ladenzeile gibt. Ich lese Bewertungen der Lokalitäten und kann selber welche hinzufügen. Ich rufe die Fahrpläne der nächsten S-Bahn auf, ich kann auf sämtliche Busfahrpläne dieser Erde zugreifen oder den nächsten Flieger ins Nirgendwo buchen. Mein JesusPhone ist allgegenwärtig, und es ist allmächtig, denn es gibt tausende verschiedener Anwendungen, die ich laden und nutzen kann. Ob es Sportergebnisse sind oder Aktienkurse, ob mich mein Kontostand oder das Wetter in Honolulu interessiert: mein JesusPhone weiß es und klärt mich in Sekundenschnelle auf. Möglich wird dies durch einen direkten Draht zum Himmel, durch den es ständig mit IHM verbunden ist.

    Selbstverständlich kann ich mit dem neuen Zauberknochen auch telefonieren. Aber das kann man schließlich mit jedem Handy, und wer telefoniert heutzutage eigentlich noch? Mit dem JesusPhone kann ich fotografieren und filmen. Die bewegten und unbewegten Bilder kann ich sogleich auf YouTube oder in meinen Blogs veröffentlichen, damit die ganze Welt daran teilhaben kann, wo ich derzeit bin, was ich gerade esse oder gegen welche Laterne ich soeben gedonnert bin. Wunder über Wunder! Ich kann mein JesusPhone als Diktiergerät nutzen, und ich kann damit meine gesamte Musikbibliothek abspielen. Das Zauberding lässt mich elektronische Bücher lesen, und ich kann aktuelle Fernsehsendungen verfolgen. Ein Barcode-Scanner gibt mir die Möglichkeit, jedes beliebige Produkt in Sekundenschnelle zu erfassen, um dann im virtuellen Weltwarenlager nach dem günstigsten Preis zu suchen. Jesus lässt mich abenteuerliche Spiele testen, ich bekomme Kochrezepte, die mir das Wasser im Mund zusammen laufen lassen, ein Höhenmesser verrät mir, in welchen Wolken ich gerade schwebe … ach, alles ist einfach nur noch himmlisch mit meinem Jesus-Knochen.

    Credo in unum deo.
    Ich glaube an den einen Gott, und dieser Gott hat sich in meinem JesusPhone materialisiert. Neben ihm dulde ich keine anderen Götter. Zwar wird von heidnischen Religionen versucht, auf den ersten Blick ähnliche Geräte ins Rennen zu bringen. Aber weder die Sektierer von PalmPre, noch die Priester vom Verein BlackBerry oder die Geister, die LG Prada und HTC Touch loben, können meinem iPhone das Wasser reichen. Denn nur das wahre JesusPhone verkörpert eine in sich geschlossene monotheistische Religion, die sich von keinem anderen Glauben bekehren lässt. Nur die Hohepriester, deren Logo ein angebissener Apfel ist, dienen dem wahren Gott.

    Lediglich eine Kleinigkeit muss mein JesusPhone noch lernen: Wasser für eine Tasse Tee oder Kaffee kochen. Das wünsche ich mir von der nächsten Generation des Zauberknochens, die bestimmt nicht lange auf sich warten lässt und die Gemeinde darauf zu neuen Entzückensschreien entbrennen lassen wird. Oh Herr, sei mir gnädig, und liste meine E-Mail-Adresse in dem Verteiler derjenigen, die Du als Erste mit Informationen versorgst, wenn der Tag des Jüngsten Gerichts naht. Denn mit Dir sind die Macht und die Pracht und die Herrlichkeit. In Ewigkeit. Amen.

  • Im größten Bücherschiff der Welt

    London

    Abenteuer in Soho, London. Sämtliche Fotos: © Wilhelm Ruprecht Frieling

    Londons Stadtteil Soho riecht verrucht. Süßer Duft schwerer Räucherkerzen schwängert die Luft und mischt sich mit gelbem Frittenfett von Fish & Chips. Bunt gemischtes Volk bummelt durch farbenfroh gestaltete Ladenzeilen. Schwulenbars, Erotikshops, kleine Cafés und exotische Restaurants bieten Genuss für alle Sinne. In Chinatown tanzen hunderte roter Lampions zwischen kleinen Garküchen, hinter deren Fenstern Pekingenten triefend glänzen. Taxen schwärmen hornissengleich über die Verbindungsstrassen und jagen feuermelderrote Doppeldeckerbusse. Aus einem geöffneten Fenster fliegt Sitarmusik, und vor einer hundertjährigen Eckkneipe fleht ein mitternachtsschwarzer Mann in einem nur ihm bekannten Dialekt den Himmel um Vergebung an.

    Charing Cross Road 100. Hier befindet sich der »Flagship Store« der Buchhandlung Blackwell. Leon, ein junger Londoner mit Jeans, kariertem Hemd, Strickjacke und schwarzer Hornbrille erwartet mich. Er winkt mich durch den Laden und schiebt eine steingraue Stellwand zur Seite. Ich schlüpfe durch den schmalen Spalt wie durch ein Zeitfenster und gleite in Leons Welt. Es ist eine fremde Welt: Was mir gerade noch wie ein Verschlag in Größe eines Hühnerstalls erschien, weitet sich zu einer eigenen Dimension. Ich betrete die größte Buchhandlung der Welt, und: NEIN, ich habe vorher keine Morphiumhaube übergestülpt und tief inhaliert …

    Die größte Buchhandlung der Welt ist knapp sechs Meter lang und kaum drei Meter breit. Sie bietet im besten Fall zwei Besuchern Platz, denn in ihrer Mitte steht eine kantige graue Maschine und beansprucht Raum. Aus dem terrassenförmigen Ungetüm kriechen blaue, rote und grüne Kabelschlangen, der Bauch des Apparats ist aufgerissen wie ein seziertes Tier und eine Blutrinne aus Plexiglas strahlt in einen Plastikkorb, der mit Knallfolie ausgestopft ist. Ein Kommandostand mit Tastatur und Bildschirm ist der Kopf des Monstrums. Dort nimmt Leon auf einem giftgrün bezogenen Drehstuhl Platz. Das ist sein Steuerruder, er ist hier Kapitän.

    London3

    Buchhandlungen der Welt, aus der ich stamme, zeichnen sich durch deckenhohe Regalwände aus, in die sich Meter für Meter Bücher drängen: hunderte, oft tausende große, kleine, dicke und dünne Folianten, die darauf warten, den Besitzer zu wechseln. In Leons Bücherschiff entdecke ich indes kein einziges Buch. Dafür sind stilisierte Buchrücken an die Wand gezeichnet, wohl um jeden Zweifel auszuschließen, worum es hier geht. Ich denke an befreundete Buchhändler, die tausende verschiedene Bücher vorrätig haben und unter der drückenden Kostenlast der Vorratshaltung seufzen. Pegasus hilf, wo bin ich gelandet?

    »Rund eine Million Titel haben wir hier verfügbar«, meint Leon schmunzelnd, »was darf es denn sein?« - Nun, wir sind gerade in London, und ich liebe Charles Dickens. Ob er mir da vielleicht etwas bieten könne? Der Kapitän des Bücherschiffs tippt den Suchbegriff ein und lacht: »Tausende Bücher zu Dickens sind vorrätig«, sagt er mit der größten Selbstverständlichkeit. Ich entscheide mich für einen Titel. Leon tastet am Steuerpult, betrachtet prüfend die Maschine, öffnet eine Luke, und im gleichen Augenblick zittert die Arche, schüttelt sich, stampft unmerklich auf und rauscht los.

    Aus dem Bauch des Apparats schießt Seite auf Seite bedrucktes Papier auf einen Stapel im Maschinenraum und bildet einen Buchblock. Von oben greift ein Metallarm einen großen Bogen Karton und führt ihn durch ein Meer von Rollen, Düsen und Messern. Ein weiterer Greifarm baggert den Buchblock zu dem parallel in Sekundenschnelle vollfarbig gedruckten Umschlag, raut ihn auf, leimt ihn ab, stellt ihn in den Umschlag. Eine Presse drückt Umschlag und Innenteil zusammen, ein scharfes Messer schneidet den Block an drei Seiten auf das gewünschte Format und spuckt mit einem letzten trockenen Furz das fertige Buch in den Papierkorb.

    London


    Das alles geht so blitzschnell,
    dass die einzelnen Arbeitsgänge kaum zu verfolgen sind. ISBN eingeben, Daten ziehen, drucken, binden, fertig! Leon reicht mir das frisch gefertigte Buch aus der Teufelsdruckerei, und ich befingere es misstrauisch. Unglaublich, aber wahr: Es ist ein Taschenbuch wie jedes andere, vollfarbig gedruckt, ordentlich verleimt und sauber beschnitten. Ich biege es auf und will die Seiten springen lassen. Doch nichts fällt auseinander, die Heißklebebindung hält, was sie verspricht.

    Ist das die Zukunft des Buches? Der Prozess des Buchherstellens, sonst ein aufwändiges Miteinander von Druckern und Buchbindern, ist angesichts dieser Maschinka Futuristika nackt und entzaubert. Das Herstellen eines Druckwerks wird zu einer Sache von wenigen Atemzügen, und weil es so fix geht, frisches Lesefutter herzustellen, und der Kunde von der Bestellung bis zur Lieferung gerade mal Zeit für einen schnellen Kaffee hat, nennt Leon sein Bücherschiff »Espresso-Buchmaschine«.

    Die abgekürzt »EBM« genannte Espresso-Buchmaschine ist wohl die größte technische Erfindung im Buchbereich seit Gutenberg den Buchdruck entdeckte und damit die mittelalterlichen Schreiber arbeitslos machte. Verfügbar sind inzwischen weit über eine Million Buchtitel aus allen Zeiten und Sprachräumen. Lightning Source und Google Books sind die Quellen, aus denen die EBM via Internet ihren Honig saugt, und täglich kommen zehntausend neuer Titel hinzu. Dabei handelt es sich in erster Linie um vergriffene Bücher, um Langsamdreher und um Werke, für die sich kein Verleger findet. Es sind aber auch zeitaktuelle Ausgaben darunter, die auch im »normalen« Buchhandel erhältlich sind und für die der jeweilige Autor beziehungsweise sein Verlag ein Absatzhonorar kassiert. Da die Lagerhaltungskosten ausschließlich für den unmittelbaren Bedarf gedruckter Bücher entfallen, purzeln die Preise, und Lesestoff wird erschwinglich. Ein urheberrechtsfreies 100-Seiten-Buch aus der EBM kostet bei Blackwell im Schnitt fünf Euro, ein 300-Seiter ist für acht Euro zu haben, fette 500 Seiten werden mit rund € 13 berechnet, und dabei kommen alle Seiten auf ihre Kosten.

    Die EBM in der Londoner Charing Cross Road gehört der Firma Blackwell, eine der großen britischen Buchhandelsketten. Sie ist die bislang einzige Buchmaschine in Europa und verwaltet heute bereits eine Kapazität von 50 Großbuchhandlungen. Es ist nur noch eine Frage der technischen Vervollkommnung, wann Maschinen dieses Typs in jedem größeren Café an der Ecke stehen könnten, um unseren Bedarf nach frisch gedrucktem Lesestoff zu bedienen. Sie produzieren günstig und umweltschonend, jede Bevorratung ist obsolet, die Erstellungskosten der Bücher sinken, und das wiederum hat einen positiven Einfluss auf den Ladenpreis. Werden Bücher aber erst einmal erheblich preiswerter, dann steigen auch Umsatz und Erlös. Zwar ist den Büchern und auch dem Bücherschiff jeder Charme fremd, dafür werden jedoch sofortige Verfügbarkeit, günstiger Preis und Demokratisierung des Angebots in die Wagschale geworfen.

    london

    Die Vorführung ist beendet. Leon öffnet den Verschlag seiner kleinen Fabrik, und ich gleite wieder durch das Zeitfenster zurück in die geschäftige Gegenwart Sohos. Gleich gegenüber von Blackwell betrete ich einen Laden mit grasgrüner Fassade, der mit antiquarischen Büchern handelt. Hinter einem mit Bücherbergen beladenen Schreibtisch haust ein zauseliger alter Herr, seines Zeichens Buchhändler. Er ist einer der Letzten seiner Art und ahnt wohl auch, dass seine Spezies vom Aussterben bedroht ist. In seinem Keller lockt der Saurier deshalb mit einem Sex-Shop, um überhaupt noch Geld zu verdienen. Das erotische Knistern des Papiers in alten Folianten scheint unzureichend, um Käufer zu faszinieren.

    Für einen Augenblick habe ich den Eindruck, dass ich der einzige Kunde bin, der gern in angestaubten Büchern wühlt und dabei darüber nachdenkt, ob es künftig solche Geschäfte wohl noch geben wird.

    EBM2.0 in Aktion

  • Die Riesen in Berlin

    Riesen-Video von Prinz Rupi

    Auf Einladung von spielzeit’europa, der Theater- und Tanzsaison der Berliner Festspiele, gastierte das französische Straßentheater Royal de Luxe in Berlin und erinnerte mit ihrem Riesen-Märchen von Trennung und Wiederfinden auf einzigartige Weise an die Vereinigung der beiden deutschen Staaten DDR und BRD in 1989.

    Die Geschichte begann so fantastisch wie ein Riesen-Märchen nur beginnen kann: Vor langer, langer Zeit, als Berlin noch ein Sumpfgebiet war, lebten dort Riesen. So auch der Große Riese und seine Nichte, die Kleine Riesin. Als eines Tages Land- und Meeresungeheuer die Stadt teilten, einen Teil mit Mauern umschlossen und so die Riesen trennten, begann für beide eine schmerzvolle Odyssee. Während die Kleine Riesin sich mit ihrem Boot auf die Suche nach ihrem Onkel begab, gelang es dem Großen Riesen nach vielen Jahren, den schlafenden Geysir am Meeresgrund zu finden. Unsaft geweckt, lässt dieser die Erde erbeben und bringt so die Mauer zum Einsturz – der Weg für ein Wiedersehen ist geebnet.

    An dieser Stelle setzt die Geschichte ein, die der künstlerische Leiter und Gründer von Royal de Luxe, Jean Luc Courcoult zur Erinnerung an den Mauerfall vor 20 Jahren geschrieben hat. Vier Tage lang verwandelte sich Berlin in eine lebendige Theaterkulisse und veranstaltete das viertägige Open-Air-Spektakel »Le rendez-vous de Berlin – Das Wiedersehen von Berlin«.

    Die phantasievolle Inszenierung mit den riesigen Marionetten faszinierte Millionen Menschen, die zusammen strömten, um das Spektakel zu sehen.

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