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Im Vorlesefieber: Leipziger Buchmesse 2008

Leipzig, Kaffeehaus Riquet. Eigentlich will ich mich während meines mehrtägigen Bummels über die Buchmesse mit kulinarischen Spezialitäten wie der »Leipziger Lerche« stärken. Aber es gibt eine Autorenlesung als Sahnehäubchen oben drauf, und da lasse ich mich gern überraschen. Schließlich ist Leipzig während der Messetage eine einzige große Lesebühne.

Bianka Minte-König und ihre Tochter Gwyneth lesen im Rahmen einer Veranstaltung des Heyne-Verlags aus ihrem mehrere Bände umfassenden Gesamtwerk. Das »Dream-Team« schreibt nach eigenem Bekunden millionenfach verbreitete Geschichten »für freche Mädchen und ehemals freche Mädchen, die inzwischen junge Frauen geworden sind«. Bereits nach dem ersten Text findet allerdings ein hörbares Stühlerücken im Obergeschoss des Lesecafés statt, und viele Zuhörer flüchten kopfschüttelnd. Ja, was geht denn da ab?

Die Autorin erzählt in dem Text, wie sie, pardon: ihre Protagonistin, nach jahrelanger Enthaltsamkeit von einem Typen abgeschleppt wird. Der bewohnt ein todschickes Apartment, das ihre Hormone in Wallung bringt. Eine Edelstahlküche lässt ihren »inneren Coach« jubeln. Ein weißes Sofa lädt zum Kuscheln ein, und aus einer Stereoanlage von Bang & Olufsen rieselt betörende Musik. Er schlüpft gleich in einen edlen schwarzen Seidenkimono, um sich bald über sie zu beugen und sie leidenschaftlich zu lieben. Hoch erfreut wirft sie ihre Klamotten ab und sich selbst statt auf das unbefleckte Sofa auf sein Lotterbett. Bebend erwartet sie, endlich einmal wieder bestiegen zu werden.

Doch, weh oh weh, ihr Lover ist kein wenig um beider Schutz besorgt: er hat zwar teuren Champagner, jedoch kein Kondom im Haus. Sie hält ihm eine Gardinenpredigt über gesundheitliche Gefahren, Verantwortung des Mannes und Trallala. Er beschimpft sie genervt und setzt sie kurzerhand vor die Tür. Nicht einmal ein Taxi will der feine Herr ihr bezahlen, und sie fürchtet schon, ihren Papi aus dem Bett klingeln zu müssen, um wieder heim zu kommen.

Hungrig nach Sex und wütend darüber, zurück gewiesen worden zu sein, rüttelt Madame an der verschlossenen Haustür. Da findet sie plötzlich ein rotes Präservativ in ihrer Anoraktasche, das die Jusos vor Jahren in einer Disko verteilten. Welch schicksalhafte Rettung zu späten Stunde! Und was macht ein freches Mädchen in dieser Situation? Klingelt sie den Typen heraus, wirft ihm den Präser vor die Füße und tritt ihm zum Abschied kräftig in die Eier? Gott bewahre, der Heyne-Verlag sagt, was richtig ist: Das Girlie erniedrigt sich, hämmert an die Tür des Junkers, wedelt mit dem Präser und verlangt, nun endlich gevögelt zu werden! Bummsfallera, juchheissassa! Freche Mädchen kommen eben nicht nur in den Himmel, sie kommen angeblich überall hin.

Antiquiertes Frauenbild

Es fehle an geeigneten Texten für junge Mädchen, die wieder »Werte« vermitteln, erläutert die Dame vom Heyne-Verlag. Denn leider gibt es immer weniger junge Mädchen, die statt zum Schminkspiegel noch zu Büchern greifen. Für diese Zielgruppe spielt die Wertevermittlung eine besondere Rolle. - Da schau einmal, es geht um Werte! Ich knabbere an meinem Gebäck und trinke ein Schlückchen Tee. - Doch was wird nun mit dieser Art von »Lass Dich erniedrigen, lass Dich wegwerfen, aber kriech zurück und lass dich auf jeden Fall ficken«-Leseprobe für ein erniedrigendes Frauenbild vermittelt? Wenn das die Moral selbst bewusster junger Mädchen sein soll, dann muss sich niemand mehr wundern, wieso die Bilder der Geschlechter gerade in der jüngeren Generation krass gestört sind.

Welch ein Glück, dass die Buchmesse auch andere Autoren präsentiert. Wie in einer Zeitmaschine reise ich aus dem Trockendock verödeter Triebe mittelalterlicher Muschis zum Stand des Fernsehsenders 3sat. Dort liest Charlotte Roche aus ihrem Buch »Feuchtgebiete«. Mutig und engagiert rebelliert die einstige VIVA-Moderatorin gegen den amerikanischen Enthaarungswahn. Offen polemisiert sie gegen das uniforme Schönheitsideal von der makellos rasierten, mit Duftwassern parfümierten Liebesdienerin und plädiert für einen selbst bewussten Umgang mit dem Sexpartner. Das ist eine Sprache, die viele junge Frauen anspricht.

Leipzig liest

»Leipzig liest« ist mit 1.900 Veranstaltungen ein Lesefest der Superlative. Jungstars und alte Meister treten gleichberechtigt an und stellen sich dem Publikum. Das hat, siehe oben, einen durchaus unterschiedlichen Geschmack. Hier geht es um eine Freundschaft zwischen einem Ritter und seinem Löwen in der sagenhaften Welt von König Artus in seiner Tafelrunde, dort liest ein Koreaner aus »Der dritte Busen«, und auf dem Blauen Sofa geht es um »Mädchenmörder«. Im Gespräch wird »Das Wende der westlichen Weltherrschaft« beklagt, während Helge Schneider zeitgleich »Eine Liebe im Sechsachteltakt« besingt.

Surfpoeten, Poetry-Slammer und Blogger präsentieren sich als junge Talente. Rainer Langhans im weißen Guru-Outfit meldet sich mit »Ich bin´s« und talkt über seine Blütezeit als Kommunarde anno 1968. Patrick K. Addai liest aus seinem neuen Buch »Worte sind schön, aber Hühner legen Eier«. Kinderbuchautoren, Fantasyfreunde und Manga-Mäuse treffen in buntem Mix aufeinander. Es ist ein farbenprächtiges Gewirr auf der Messe, die ganz im Gegensatz zum Businessplatz Frankfurter Buchmesse den Autoren und Lesern gehört.

Sex, Sex und Sex

Am Stand des Eulenspiegel-Verlages plaudern heiter Moderatoren, im Sachbuchforum streiten hitzig Historiker, in der Autoren-Arena enthüllen satanische Schriftsteller ihre Achillesferse. Im Bertelsmann-Club stellt der britische Autorenstar Ken Follett seinen neuesten Historienroman »Die Tore der Welt« vor, bei dem es nach Verlagsaussagen um »Sex, Sex und Sex« geht. Zigarettenerbe Jan Philipp Reemtsma versucht sich derweil »über eine besondere Konstellation der Moderne«. Beim Johannis Verlag in Halle 3 klingen schwungvolle Melodien: »Musikevangelist, Prediger und Showpianist« Waldemar Graf spielt und singt die bekanntesten Traumschiff-Melodien und bewirbt damit sein soeben erschienenes autobiographisches Werk.

Gemächlich fresse ich mich als Bücherwurm von Stand zu Stand, von Halle zu Halle, von Lesebühne zu Lesebühne, von Lesecafé zu Lesecafé und gewinne einen Eindruck der Vielfalt dessen, was der Jahrmarkt der Eitelkeiten im Bereich Buch hergibt. Doch wo popelt nun eigentlich Hellmuth Karasek? Nun, der Meister liest aus seinen Glossen »Vom Küssen der Kröten«, und dabei wird nicht gepopelt. Aber ein zugkräftiger Titel für meine Kolumne ist schon die halbe Miete. Das zumindest habe ich in Leipzig gelernt …